Nachtwächters Nachtgang

Zur Nacht, zum Feuer!

Lass ein in den Kreis – Feuer ist teuer.

Wärmen wir uns aneinander!

Wir haben nur uns.

Freundliches Wort, teurer als jemals,

freundlicher Ort in ehrlichen Herzen.

Sie sind selten kostbare Kerzen.

In klammkalter Luft steht der Erntemond

riesig vor schwarzkalten Ästen.

Bewegungsmelder verbellen somnambule

Nachtgänger:  Diebe oder Dichter oder beides.

Satte Ordnung – strahlend einst LED-hell,

schwach nun im Schein der Salzlampe

aus dem Inneren des Hauses –

der Zweitwagen merkwürdig

angefroren: Standschaden.

Die Martinsprozession der Wohnmobile in der

Seitenstraße – Dunkelheit breitet gnädigen Mantel über sie.

Das hyperaktive Nachrichtenportal –

schalt es aus, wenn die Putzkolonne

das Licht im Kindergarten löscht.

Genug für einen Tag:

Zur Nacht, zum Feuer!

Wie Keith Jarrett Klavier spielt

Ich würde gern dichten, so wie Keith Jarrett Klavier spielt.

Auf dem Weg aus den Vorhängen all meine Kraft zusammennehmen,

dann Platz nehmen im Lichtkegel, doch meiner wäre ja noch unverdient.

Freundlich vereinzelte Laute aus dem Publikum – die Nachtfahrt beginnt.

Herantasten, Anspielungen, Abstecken des Motivs,

dann sich versenken, nur um abzuschweifen, aber dann

zurückkehren, gezwungen werden ins Thema,

dem überstarken, nur ausliefern kann man sich ihm,

bis die Saiten erschöpft sind: vom Grollen, vom Singen, vom

Vibrieren:

erschöpft man sich vergisst, selbst stöhnend, singend, improvisierend

das Licht sieht am Ende des Tunnels,

das Ziel sieht und den Sinn.

So bearbeitete ich gerne das Wortklavier,

Innerstes nach außen kehrend,

Eis aufhackend für das Winterbad,

nackt im Schnee mich wälzend,

manchmal im Schrei, manchmal balancierend

auf der Nadelspitze eines heiligen Moments.

Warm auf beiden Seiten, gut gefüttert:

Wendemantel der lieben alten Wörter.

In meinen Augen

Du nahmst mich in Augenschein

aus unterschiedlichen Augen:

müden, tiefen, lustigen, lockenden.

So weit konnten sie reichen.

Sehenden Auges machte schöne ich dir,

später große,

drückte oft beide zu,

nur um eines zu riskieren;

warf eines auf dich,

hatte keines im Kopf.

Aus ausgeweinten Augen verlor ich dich,

seh dich vor aller Augen nun mit neuen,

nur das mit aus dem Sinn, das stimmt nicht

mit meinen Augen.

Größer waren sie halt als der Magen.

Tirreno-Adriatico 1976

Weiche, warme Fotografie,

plastisch zum Hineingreifen ins Bild.

Aus dem Grau des Spätwinterhimmels

leuchten weiß die noch schneebedeckten Gipfel

wie die Stoßzähne von Hannibals Elefanten.

Wollene Trikots, die Hosen kurz,

im Blitzlicht tief vergessen ihrer Wunden,

sehnige Beine, geadelt von Öl und Straßenstaub –

und Reporter mit viel zu großem Kragen

schreien in analoge Mikrophone, als wären sie taub.

Auf filigranem Stahl die Helden, Starschnitt unserer Poster

überm Bett; letzter Anblick in geborgenem Zimmer

vor der Nacht auf dem Weg zum Traum, der dauert.

Prägung – Traum, was für ein Etappenrennen!

Dank euch Helden, danke für die Bilder und die

Schilder: Tirreno – Adriatico, noch ein letzter

Kilometer bis zum Leben.

Umbruchkorrektur

Der Wind weht kalt über Feld und Flur

und überall hört man Stimmen nur:

Was mag das sein, das nie gesehen?

Es ist die Umbruchkorrektur.

Gleich hinter der Ladentür

die harte Pflicht und keine Kür:

Was mag das sein, das leer so starrt?

Die Umbruchkorrektur, die unser harrt.

Der Rotstift streicht übers Papier,

schneidet alles weg, was nur Zier.

Was mag das sein, was unverzichtbar ist?

Vielleicht die Umbruchkorrektur, die alles misst.

Laub auf Nachtwegen

Laub auf Nachtwegen

unter Oktoberabendlichtern

Laub im Rascheldunkeln

Gestiftet von den Dichtern

Taub und unansprechbar

gleichmütige Sterne funkeln

Laub auf Nachtwegen

Steppenwolf und Landwein

Laub, Düfte fern nachts verschweben

Kirchenmauer schweigt im Sandstein

auf dem Nachhauseweg

In den Häusern Schläfer, die zum Himmel streben

Oktoberabend

Mit weicher Kreide schreibt mein Festmonat erlesenes Grau in den Himmel.

Der Tag verlischt, unter Blättern verascht die Sonne, Westhimmel löst Feueralarm aus überm Feld.

Unaufgeregt schlafen Igel und Dachs weiter, geschieht die Magie doch jedes Jahr. Oktober, mein Fest, du endest nie, solange ich hinabreiche zum Fallobst, hinaufreiche zu purpurnen Pflaumen, meine Nase nicht taub der Süße der Quitten, mein Herz die Wendemarke noch sieht, zur Besinnung findet, zum Maß.

Geerdet unter übergroßem Erntemond. Nester des Sommers finde ich manchmal im Lavendel, den Duft von Schafen hinter der weitergezogenen Herde.

Schlaf und Traum

Schlaf, dieser schwarze Schwan,

Anmut über tiefem Wasser.

Sein rosa Schnabel weist einfach nur voran

und oft zurück – tief in sein Gefieder.

Er wassertanzt seltsame Lieder,

die sehr verständig klingen.

Verschwindet dann im Morgengrauen

lautlos auf samtschwarzen Schwingen;

mit ihm all die Bilder, ein wahrer preisgekrönter Film,

und im Konzert der Morgenwelt verebbt der Engel Singen.

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