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Erste Schritte

Vinyl

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Dichternacht

Alle Lampen im Haus gelöscht

bis auf das Salzlicht

Auf der Straße Herbstsegel

Blätterboote auf großer Fahrt

schweifende Lichtkegel

dann wird es leer

Verschwebende Stimmen – Spätheimkehr

Zur Sprache kommen

die von der Leine gelassenen Wörter

Im Licht des neuen Tages werden zu prüfen sie sein

Chrom, Orangen und Kaffee

Chrom, Orangen und Kaffee:

Es zischt und dampft die Maschine;

speist die fröhlichen Gruppen

mit neuer Kraft für die Festzeit.

Früh fällt der Abend, der Nebel,

Licht aus den Fenstern der Buchhandlung.

Café wärmt seine rotwangigen Gäste.

Stanniol, Lebkuchen und heißer Tee:

Überall dampft, weinglüht und raucht es.

Essen für die feiernden Truppen

der Heilsarmee.

Früh fällt das Licht, der Schnee.

Licht unterm Vorhang, heimeliger Vorgang:

Kristalle verzaubern silbrig die Äste.

Meine Zeit

Als der Katar-Scheich sich mit Spielerfrauen anlegte,

war die Mobilisierungswelle schon hoch.

Ein Asteroidenhagel wurde abgewehrt

von einer einzigen One-Love-Binde –

die trug noch nicht einmal der Kapitän,

denn der hatte das stinkende Schiff schon verlassen.

Ich hackte auf meinen Wasserhahn,

duschte so kalt und so kurz wie

gekräuselte Haut,

sammelte Konzentration und Wasserstrahl in der Körpermitte,

zog den Strahl dann hinauf zum Herzen:

Here ’s to you Nicola and Bart:The last and final moment is yours

That agony is your triumph.

Ich loggte mich aus aus dem asozialen Netzwerk,

hob die Nadel vom rotierenden Vinyl.

Stoppte das Kreisen der Platte,

legte mich ins Nachtasyl.

Ich nahm unbezahlten Urlaub

vom Heute.

Ich segnete alle Leute.

Kalender vergangener Jahre

Mit steigenden Preisen für Papier

greif ich zurück auf Kalender vergangener Jahre.

Es waren ohnehin bessere Zeiten.

Die Tage, die nicht mehr stimmen,

die ignoriere ich elegant.

Sie verlaufen wie Wellen

letztendlich und gütig im Sand.

Mit fallenden Kurven der Wertpapiere

wende ich meinen Blick auf die Sterne.

Zu ihnen blick ich ohnehin gerne.

Sterne, die jetzt kälter leuchten,

die lass ich weiterziehen in die Nacht.

Sie sind als Lichtgestalten

letztendlich gütig und sacht.

Farben

Tuben und Flaschen voller Wörter,

jedem seinen Wert, seine Aura:

leuchtende – so stark- sie explodieren,

zarte, so schwach, dass sie nur glimmen;

an den Rändern verschwimmen

sie alle – genau besehen.

Mit etwas Glück treffen sie dich –

ein Pfeil im unerwarteten Moment.

Auf große Leinwand werf ich sie,

zurückgespannt im Bogen, ein wenig zu breitbeinig für meine Statur,

dann schütt ich sie weißbärtig-rituell, zu alt für meine Jahre.

Auf Miniaturen stutz ich Wortbonsais zurecht ins Haiku:

Der Wortmaler:

Ewiger Versuch sein Tun.

Doch drüben in den Seiten unterm Mond: einer liest.

Nachtwächters Nachtgang

Zur Nacht, zum Feuer!

Lass ein in den Kreis – Feuer ist teuer.

Wärmen wir uns aneinander!

Wir haben nur uns.

Freundliches Wort, teurer als jemals,

freundlicher Ort in ehrlichen Herzen.

Sie sind selten kostbare Kerzen.

In klammkalter Luft steht der Erntemond

riesig vor schwarzkalten Ästen.

Bewegungsmelder verbellen somnambule

Nachtgänger:  Diebe oder Dichter oder beides.

Satte Ordnung – strahlend einst LED-hell,

schwach nun im Schein der Salzlampe

aus dem Inneren des Hauses –

der Zweitwagen merkwürdig

angefroren: Standschaden.

Die Martinsprozession der Wohnmobile in der

Seitenstraße – Dunkelheit breitet gnädigen Mantel über sie.

Das hyperaktive Nachrichtenportal –

schalt es aus, wenn die Putzkolonne

das Licht im Kindergarten löscht.

Genug für einen Tag:

Zur Nacht, zum Feuer!

Wie Keith Jarrett Klavier spielt

Ich würde gern dichten, so wie Keith Jarrett Klavier spielt.

Auf dem Weg aus den Vorhängen all meine Kraft zusammennehmen,

dann Platz nehmen im Lichtkegel, doch meiner wäre ja noch unverdient.

Freundlich vereinzelte Laute aus dem Publikum – die Nachtfahrt beginnt.

Herantasten, Anspielungen, Abstecken des Motivs,

dann sich versenken, nur um abzuschweifen, aber dann

zurückkehren, gezwungen werden ins Thema,

dem überstarken, nur ausliefern kann man sich ihm,

bis die Saiten erschöpft sind: vom Grollen, vom Singen, vom

Vibrieren:

erschöpft man sich vergisst, selbst stöhnend, singend, improvisierend

das Licht sieht am Ende des Tunnels,

das Ziel sieht und den Sinn.

So bearbeitete ich gerne das Wortklavier,

Innerstes nach außen kehrend,

Eis aufhackend für das Winterbad,

nackt im Schnee mich wälzend,

manchmal im Schrei, manchmal balancierend

auf der Nadelspitze eines heiligen Moments.

Warm auf beiden Seiten, gut gefüttert:

Wendemantel der lieben alten Wörter.