Jahresringe

Im Januar frieren dir die Gebeine.

Im Februar tanzt das Eis mit dem Schnee.

Im März liegt die Katze in der Sonne.

Im April tut es schon viel weniger weh.

Im Mai steigt der Saft in die Stämme

Im Juni hast du mal angerufen.

Es war heiß damals an dem Tag.

Im Juli war die Tour de France.

Im August dann brach der Biberdamm.

Der September leuchtete famos.

Oktober war ein Dichterfest.

November eine Vernissage von Nebel.

Im Dezember nach den Weihnachtstagen und

einem ganzen Jahr

stieg wie Phönix aus Raketenasche

dann ein neuer Januar.

In Erinnerung

Es kommen riesige Regenmengen:

die regnen nicht einfach,

das wäre ja noch schöner,

nein, sie DROHEN zu regnen.

DROHEN ist das wichtigste Verb der deutschen Sprache:

Ich drohe, du drohst, er /sie/es droht.

Kein Wunder, wenn so vieles droht:

Die verängstigte Gesellschaft verroht.

Die Schönheit indes ist nicht auszutreiben

der aus den Fugen geratenden Zeit.

Enger geschnallte Gürtel sind immer noch weit

im Vergleich zum Ausdruck deines Gesichts

auf dem Fahndungsfoto, dieser geschlossenen Akte:

Verdammt warm bist du für einen Cold Case.

Im Vergleich zur hilflosen Lage und deren Auflösung,

deren Nie-Aufgelöstheit, Rätsel, Rätselhaft,

Rätseleinzelhaft, Rätselsippenhaft.

Ich decke zu dich – sei es nur bis zur Entdeckung –

mit Blättern und Vergebung und Liebe.

Ich gehe den Waldweg im März, stelle mir vor,

wie knospender Wald die Decke bereitet,

die kaltwarm dich hält bis zur Pilzsaison,

jener Waldsammlerin im Schrecken, im Angesicht, im Moment,

deinem letzten Geheimnis.

Raumstation Januar

Raumstation Januar:

Nässe überfriert.

Am Steuer des Schneepflugs glaubt einer,

er sei Walter Röhrl im Audi Quattro;

Sprung zur Seite, dies hier ist nicht Monaco.

Eis glitzert wie ein lauerndes Krokodil,

besser heute Abend zu Hause zu sein.

Scheinwerfer der Normalbürger

durchschneiden die Winternacht

wie Laserkanonen;

im Winterschlaf noch die, die da wohnen.

Beim Sternsingen driftet das Herz:

Der Große Wagen röhrt:

Perchten, Kallikantzaroi!

Pulverdampf

Sekt in der Hand, gut gekühlt, klirrend kalt diese Edition.

Morgen gehe ich am Neujahrstag

mit Kinderaugen sammeln die wertvollen

Schätze, geheimnisvoll wie Ufos, abgebranntes Feuerwerk.

Zurück im Sorgengesicht die Kindernase morgen,

sauge gierig fasziniert den Pulverdampf der Nacht,

der Parfum des Prositmorgens wird.

Prosit Neujahr, wie wahr:

Möge es nützen, möge es helfen zu einem besseren Jahr.

Zwischen den Jahren

Zwischen den Jahren

hab an den Haaren mich herbeigezogen,

mich kundig gemacht im Unbekannten.

Meinen Nachbarn trinken, feiern sehen,

verspätet Weihnachtsgrüße geschickt an die Wohlbekannten.

Zwischen den Jahren

hab aus Hochwasser mich gezogen

an unbekanntes Land – und siehe: Ich lernte.

Das Land in kurzem Frühlingszauber hab ich im Winter blühen sehen,

im Taumel dieser Saturnalien, bevor die Sonnen wieder untergehen.

Zwischen den Jahren

hab ich auch an dich gedacht

an Unverschämtes, nur Geträumtes – und siehe:

Die Erinnerung in kurzem Frühlingszauber hab ich im Winter blühen sehen

wie Bilder, die nie untergehen.

Weihnachten der Präpositionen

Unter der Bettdecke

unter dem Segen

unter uns

Im Advent

im Schneeschauer, im Regensturm

in Erwartung

Nach Hause, immer nach Hause

nach der Bescherung

nach allem, was war

Vor allem, weil es wahr ist

vor der Zeit, als wir erwachsen waren

vor Alpha und Omega

Zu dieser Zeit und ewig

zum Sterben kein Weg und zum Leben nicht zu wenig

zum Stall, mit Myrrhe und Weihrauch zum König

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