
„kalí órexi“


From Me To You With Love!


Mann aus dem Sidra-Land, ozean-umspülte Grüne des atlantisch-spanischen Nordens,
Mann aus dem Pilgerland, dem Jakobsweg-Land.
Bild zeigt ihn im Maglia Rosa:
Merckx im Nacken – nichts schreckt den Mann im rosa Trikot;
er wäre nicht „El Tarangu“.
Showdown auf dem Colnago:
Ernestos goldenes KAS-Pferd für ausgezehrte Beine.
Selbst Sidra, dargeboten in goldenem Apfelstrahl, würde
er nun in seinem Furor bergaufwärts verweigern, in seiner Mission,
der Fahrt auf den Pass, sponsorenbewehrte Ziellinie im Schneetreiben.
Es ist kalt da oben in Italien im Mai, wenn Hannibals Kriegselefanten
ihre goldenen Ketten schütteln im Giro.
Frierend werden sie alle als Sieger sich oben
Wolldecken überstreifen, gealterte Gesichter,
Zwanzigjährige werden Hundertjährige sein,
das Mikrofon vor trockenen Lippen,
da bringt einer ein paar Worte hervor,
ein PR-Mann erschafft medial
daraus kollektive Erinnerung.
Schon damals, mit Lenkerschalthebeln,
ja, schon damals.

Ich glaubte, ich würde dich nie wiedersehen,
bewahrte dich im Erinnerungspalast
in inneren Räumen,
vorbehalten alten Träumen.
Du gingst – oder schwebtest, marschiertest gestiefelt? – durch die Bibliothek,
machtest mich unruhig über meinem Buch,
vor langer Zeit in einer anderen Welt.
In parallelem Universum aus meiner Sicht dein Leben.
Worte, dürre Worte skizzieren es wie
Stift auf Marmorplatte: Du warst verwitwet,
hattest Söhne, deren drei.
Sie werden deine Locken haben.
Du wirst stolz auf sie gewesen sein.
Dein letztes Bild, das ich sehe, ist gerahmt,
wird wohl gestanden haben, wo die Gemeinde sich versammelt:
portus naonis,
Udine für mich, Udine,
Zwischen Bergen und Meer
Ich bespreche deinen Zauber in Zungen einer magischen Sprache:
A riviosdisi!

Du hättest dich aussperren können –
und ich ganz einfach da – mit T-Shirt und Zahnbürste.
Und da wäre ich ganz unzweifelhaft Helfer gewesen
und keiner hätte Notiz genommen;
eine praktische Sache das,
when the night comes.
Nicht viele Möglichkeiten hätte das Gebotene geboten,
dankbar zunächst aufgenommen, folgend vielleicht
auch du der Intuition, dann ängstlich zunächst bis zum Brückenschlag des Moments,
in dem alles ganz einfach, ganz selbstverständlich, ganz dankbar und schön wird
und unter uns bleibt, unter wem denn sonst?
Und unter vielem, unter uns, ja unter uns:
da ist – in all unserer Zukunft – das Parkett dieser
alten meterdicken Mauern-Burg mit ihrem
gebohnerten Treppenhaus, ihrem Schnee-zum-Allerheiligentag-Blick
auf den Sportplatz und den Weg zur Bushaltestelle,
wo dann ein Schlossbewohner stand, der – jawohl! – in seinem
Palazzo basejumpte von der hochriskanten Kante für den
finalen Flug – impact in terminal flight.
Rom – ewige Stadt!

Vor dem ersten vorbeifahrenden Störer
öffne ich schlafsatt die Tür zur Nacht des frühen Morgens,
aufgeregt vom Schneeduft früher Kindheit.
Duft feucht-grüner Tannen der Schlittenhundeabenteurer.
Sauge tief ein das Jack-London-Parfum.
Lederstrumpf für ein paar Sekunden,
Duft furcht-steiler Pisten der behelmten Abfahrtsläufer.
Zoome ins Bild, wie ihre schlanken Figuren stehen
neben Rallyewagen im Schnee vor dampfendem Kaiserschmarrn.
Blau-weiß-rote-trikolore-sexy Helden in Jugendphantasie:
Highway, Highway Star.
Winterfahrt…
Das alles in flüchtigem Duft noch nicht geschaffenen Parfums:
Wie würde man es nennen: Auf der Streif?
Schneeduft früher Kindheit,
Duft Grün und Gold, Duft von Eis und
Kreisläufern und kreidigem Schweiß.
Umkleide: In der Halle entfernte alte Stimmen verhallen.
Am Milchberg ticken die Uhren unter Sankt Ulrich und Afra,
Willys Werkstatt der Gral, wo einst
die Nase platt vor den Werken italienischen Stahls.
Winterfahrt…
Mit wachsendem Tag
im Angesicht der Realität, im Angesicht des neuen Jahrs:
Heizung maßvoll andrehen, Ablesedatum notieren: Winterfahrt!

Bratfettbadewasser,
Samstagabend-Hautcreme.
Junischwüle Winde tragen Erinnerung heran.
Zu frühes Erwachen in diesem Mittsommer ohne Wallander: Fuga senilis.
Ein Bild deiner Köttbullar kannst DU DIR an die Wand hängen:
Fjick schön!
Wenn Sich-nassregnen-Lassen einer der letzten preiswerten Genüsse ist,
dann schau dich doch an, schau di do oa:
Dick bist du, nass im Schauer, mit geröteten Augen vom aufgelöst fließenden Haarwachs,
das fließt über dein Doppelkinn: Falling Water– du bist Kunst, doch
keine Sau kennt dich.
Das genau ist vielleicht deine Überlebenschance,
sonst wärest du ein Mauerrest, ein Ackermann-Altar.

Unter der Bettdecke
unter dem Segen
unter uns
Im Advent
im Schneeschauer, im Regensturm
in Erwartung
Nach Hause, immer nach Hause
nach der Bescherung
nach allem, was war
Vor allem, weil es wahr ist
vor der Zeit, als wir erwachsen waren
vor Alpha und Omega
Zu dieser Zeit und ewig
zum Sterben kein Weg und zum Leben nicht zu wenig
Zum Stall, mit Myrrhe und Weihrauch zum König




Ich liebe die Winterstürme,
wenn die Bettdecke wandert zum Kinn,
und der Wind, der freundliche Löwe, dem Ohr brüllt,
und ich eins mit mir selber bin.
Ich liebe die Dezemberstürme,
wenn atlantischer West übers Land fliegt,
und das Land, die bergende Mutter, mich meiner versichert,
dass hinter dem Winter das Neue schon liegt.
Ich liebe die Dichtertürme,
deren Bewohner am Neckar verwandt mir erscheinen,
und die silberbärtig gemalten Mönche, ein jeder schreitend im Mondlicht,
die auf Athos bei und um Gott weinen.
