Wirbelnde Blätter im Winde

Nimm weg das Gewicht, Atlas!

Lass die Schulter sich erholen!

Gewicht der Welt ist auch morgen.

Auch wir sind morgen noch.

Tauben der Nacht tragen im Schnabel

den Frieden ganz sacht –

und hinter blauem Dämmer, da ist schon der Morgen, da bist du.

Ein Hoch auf das gelbe Wagen,

ich sitze beim Schwager vorn.


Was reicht der Wirt heute im Krug?


Hinter den Fensterscheiben
dein Gesicht, die Wahrheit, kein Gold.


Ich wäre so gerne geblieben,
Aber das Nagen, das grollt,

und der Wagen, der rollt.

Du

Du – ich halte inne vor dem Wort.

Absperrung, kein Durchgang, verboten!

Welch eine Täuschung, geschicktes Manöver!

Tritte sind angelegt in der Mauer,

den Probanden zu verführen, hinüberzuwinken

in die eigene Welt, die deine ist.

Wie lange hat keiner in den Mantel dir geholfen?

Ach ja, einer könnte mal den Rasen mähen bei der Gelegenheit

Befehle der Bienenkönigin

Gesendet von meinem Bienenfleiß

Das andere Gesicht

Der Bauch der Stadt säuft Mitternacht

Aus einer schlanken Jugendstilvase

Schwitzt mächtig seine schwarzen Blüten

Und träumt wie glänzend in Ekstase

Lichter, Lichter, Seidenflaum

Ist da vielleicht noch irgendwer?

Man spürt dich tief, man sieht dich kaum

Man gießt sich ein von der Fülle

Den Atem, der aus Schächten nebelt

Den Mond, der von den Dächern rollt

Die Hand, die warm ist wie ein Schatten

Den Kuss, der dir die Lippen knebelt

Hochsommerlied

Sommerheimkehrer,

Schwimmbadvertriebene,

Kokosmilchkinder,

Festivalbesucher:

Sie stimmen ein in den Chor.

Außengastronomen,

Hitzeathleten,

Schnäppchenjäger,

Sommerzeitsucher:

Sie stimmen nun ein in den Chor

der Stimmen, der Terrassengeräusche,

des Geschirrklapperns, der Gewitterwarnung.

Unüberhörbar wird der anfangs zarte Donner im Westen,

das Wetterleuchten, die Aufgeregtheit des afrikawarmen Windes.

Sehr hörbar auch das silvesteraufgehobene Feuerwerk –

illegal aufsteigend über einem Sommergeburtstag.

Die Feiernden der Nacht grüßen,

sich vorbereitend auf den Schichtwechsel,

ihresgleichen in den frühen Morgenstunden.

Die Sonne geht schon wieder auf,

lauter als die Schlaflosen.

Ein Innehalten in den Mittagsstunden reicht schon,

den Betrieb am Laufen zu halten.

Das Leben wird unschätzbar sein,

in gestirnten Nächten – und in kalten.

Geniza – Bibliolith

Nicht vergessen,

nicht vernichten,

nicht leugnen,

nicht verlieren.

Einen Ort geben

tief im Inneren,

einen bleibenden Ort.

Das Erfahrene ablegen,

es ablegen im Kalendertag

und dort, wo es reifen mag.

Es ablegen, gerne auch in Vogelnestern,

unter Hecken, dem Igel zum Spiel.

Es ablegen, in regennassen Gärten

nach dem Gewitterschauer

und im Regenbogen,

in Wolken, die zogen.

Ablegen auch die Worte, die logen,

die trügerischen Bilder,

sie alle zusammen auf den Weg schicken

in den Magmafeuerstrom.

Und wenn der kalt wird,

dein Bild alt wird, grau verascht,

Dein Vers kein Lied ergibt:

Bibliolith.

Grand Central

Die Sonne geht nicht unter,

Nacht wird zum Tag.

Es weht ein heißer Wind,

du träumst von Marokko,

von Algerien.

Im Kopf sind Ferien.

Du da neben mir, Magnetismus,

Magie, Abstand schmilzt mit jedem Wort

wie teure Butter in diesem Wüstensommer.

Dein Anblick ist ein Bewerbungsfoto,

du rüttelst mein Übergewicht, sommersonnwendest mein Organ.

Deine Jugend komisch ernst, deine Gesten sind ungelenk,

dein Körper Verheißung, nie wieder wird das Gefieder der

jungen Gans so perfekt sein, wird Federn lassen,

wird sich vollenden im Verlust der Vollendung.

Ich trat hinaus, die Welt lockte,

über den Wohnblöcken ging die Sonne unter,

nein implodierte, ergoss ihre Strahlen auf

mich ganz und gar Hilflosen:

I’m a sucker for beauty,

yes I am.

Kräuter Ibizas, Hotelbett, Träume,

am Morgen schon

bist du Erinnerung.

Dein, mein Sommer

Julitag, Hitze kocht, Wind streicht uns den

Schweiß von der Jugend, wie gestern in den Klängen.

Du im Käfer, mein Lieber, Dein Selbst Deiner Blüte,

sonnengebleicht das Blond, ferienbraun immer.

Lässig schwenkst du herum, du schonst nicht,

dich nicht und auch sonst nichts, wissend,

als ob du ahntest, in die Zukunft sähest,

die Landung, der Baum, dann das Dunkel,

eine Zeitungsmeldung.

Durch offene Fenster gleißen Sonne und Licht.

Fährst du mit?

Klar doch, kannst mich haben, immer, Schöner!

Need love to keep me happy!

Und die Magiere rollen, no satisfaction bis heute,

infiziert in jenem Sommer mit dem Klang,

hot stuff.

Und später am Wasser,

durch Stoff schimmert unser Begehren,

keine Fragen offen, star fucker!

Wassertropfen ein Prisma auf deiner Haut,

Blicke wie zufällig, Lachen, Feuerzeug

entflammt, chlorblaue Bahnen unter der Sonne

bis in den Abend, Lachen verklingt, ciao!

Räder surren,

in warmen windigen Abend segeln wir,

und die Felder biergold,

no guru, no method, no teacher,

die Sterne Verheißung

über unserem seligen Schlaf.

Davvero

Du schon wieder!

Du neben mir.

Zufall? Ein wenig sehr viel Zufall!
Zufällig die Berührung.

Davvero, it’s a wonderful world.

***

Du erzählst – wie nicht für meine Ohren –

von Krümeln und Wäsche, vom Indenmantelhelfen.

Und ich zufällig in Hörweite.

Davvero, dum clamant clamant.

***

Dein schönes Gesicht ist nicht wirklich.

Für mich schaltest du sprachlich einen Gang höher.

Zu Hause redet ihr nicht wie Schiller.

Beim Wort „Scheiße“ hörte ich dich die Stimme senken,

zu spät natürlich, aber du sagtest es – immerhin nicht zu mir.

Davvero, warum erinnere ich mich daran?

***

Gut trägst du dich heute,

Für einmal gestärkt und gebügelt.

Liest nur wenig vom Blatt, blickst die Zuhörer an.

Du hast viel gelernt, doch ich sah deinen Hunger.

Dauereile lehrt schlingen.

Davvero, Hunger und Leere bringt den Magen zum Klingen.

Selbstheilung

Nebliges Ambodenliegen,

taub von deiner Droge,

Facialislähmung.

Fehlverklärte Pupillenweitung,

das Dichherbeihoffen

wirkte hinein ins Tarnnetz der Lüge.

Du glaubtest, Nichtnennen trüge

dich ins Ziel.

Non mi lasciare, resta, sofferenza!

Die Wahrheit geht auf, teilt den Nebel,

das Wort fällt wie von selbst;

ich trete hinaus nun ins Wort –

das Wort ist kühl, balsamisch.

Auf der Wunde ein Verband,

Darunter erneuert sich die Haut.

Pilger

Stadtsommer, Sonne heizt den Kessel

auf Betriebstemperatur.

Frühe Juni-Hitze blondiert

die Mehrgenerationen-Lebeväter, leicht übergewichtige Söhne,

ihre weißblond geklonten Enkel.

Zwischen Rotlicht und Cartier

treibt Hans im Glück die neueste Sau

vom Brunnen zum Designhotel –

neben dem Puff, der Großbaustelle,

dem Druckraum, der Louis-Vuitton-Boutique.

Und hinter die Arkaden-Säule

stelle ich mich,

streiche in feierlicher Erinnerung mein Haar zurück.

Das zehnte Mal den Kragen gerichtet,

gerade so, als wäre ich vierzehn,

gerade so, als kämest du von der Straßenbahn,

eilig, aber immerhin pünktlich

– und ich: auch atemlos.

Stunden später, als sich die Wege trennen –

ich blicke dir nach;

da ist noch deine Gestalt an der Straßenecke, auch dein Blick scheint verloren,

dann verdämmert der Märzabend;

wo du eben noch warst,

da ist niemand mehr.

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