Wie die Welt gebaut war

Wie die Welt gebaut war

wie sie einst geschaut war

in jungen Jahren

unermesslich, arglos, reich

Wie der Mensch gemeint war

wie er nicht verneint war

deine jungen Jahre

biegsam, sehnig, weich

Wie der Wein gedacht war

wie er ganz ohne Verdacht war

in legendären Jahren

Bernstein und Kirschen gleich

Wie dein Lachen gelacht war

wie es ohne jeden Verdacht war

in längst vergangenen Jahren

geträumt und wahr zugleich

Firenze

Grand Départ im Nebelmorgen:

Wir Jungtiere scharren im Dunkel mit den Hufen,

schütteln die Ketten wie Hannibals Elefanten

zur Sonne: da liegt sie

am Arno nach Süden, nach der Liebe.

Am Ponte Vecchio tanzt das Leben Lambretta,

Villoresi und Lampredotto vermählt

auf der Piazza.

So träume ich in Kampfer und Tinte

die vergangene Welt der Düfte.

Mach uns sprachlos!

Machst uns schlaflos:

prendiamo un caffè?

Zittrig in den Uffizien,

zehntausend Tauben

und Japaner und David:

David im lauten Hotel.

Wie in La Grande Bellezza:

Der Cinzano-Schriftzug erlischt im

Morgengrauen.

Flußwellen tragen sein Spiegelbild

neuen Tagen entgegen.

Sternsinger

Süßer Winterapfel, Weihnachtszweig,

weit gehen leere Straßen rund um stille Wasser.

Vogelschrei und Mistelzweig,

es dämmert fast schon wieder.

Glocken, Kreide, Segen hoch oben an der Tür.

Drei Gewänder, Myrrhe, Stern

kommen auch zu dir.

Neujahrsmorgen

Tageslicht blinzelt in Streifen

schon viel länger, als man dämmernd glaubt.

Menschenleer genug,

aus einem Bergsee einen Schatz zu heben

und damit ungesehen zu verschwinden

ins neue Jahr.

Im zarten Wintermorgen,

der wie neuer Frühling wirkt,

ist dieser Rauch noch eingewoben

vom Funkenregen einer Nacht,

aus der kommend bist du heute

in einem neuen Jahr erwacht.

Zwischen den Jahren

„Zwischen den Jahren“:

Was für ein Unsinn!

Jahr fügt an Jahr sich

ohne jeglichen Spalt.

Sinn find ich nur in deinen Haaren,

Hand schmiegt an Hand sich,

drüben leuchtet ein Baum.

So werden wir furchtlos,

so werden wir alt.

Heilige der Parkplätze

Abend der Abende:

Der Parkplatz des Discountmarkts

ist einsamster Ort der Welt

heute Abend und der

Dönerspieß der Imbissbude

der Pol der Unzugänglichkeit.

Abend der Abende:

Wer jetzt seinen Gruß noch nicht

entboten hat, der kehrt nicht mehr ein in den Kreis,

und das Rot am Kreisverkehr,

das bleibt bis zum Ende der Festzeit

und darüber hinaus am Pol der Unzulänglichkeit.

Abend der Abende:

An nicht einsehbaren Orten

räumen die Unaussprechlichen verflossen das Festtagsgeschirr

höchst lebendig in den Abwasch.

Wen sie mit aller Kraft in dieser Nacht verdrängen,

der sieht sie, der kann alles sehen, der weiß

und spürt sie im feierlichen Dunkel

wie die Heiligen der Parkplätze.

Fahrradliebe

Ein Mann liebte sein Rad so sehr

er fühlte sich als Lenker

spürte die Liebe fließen ohnegleichen

durch die Ellen und die Speichen

Sie war so groß, sie fiel manchmal aus dem Rahmen

Manchmal wurde sie zur Kette

auf dass ihn jemand rette

Dann bediente er die Glocke

Er suchte Schutz im Regen

unter den zwei Blechen

und fühlte sich im Segen

Im Sattel wider alle Winde

wurde er eins mit den Pedalen

die er so gern bewegt

bevor er sich zu der Maschine

in weiche Kissen legt

    Radiofonografo

    Anzüge gut sitzend,

    Haar akkurat geschnitten:

    Achille und Pier Giacomo noch jung in Schwarz-Weiß:

    In warmes Holz hüllen sie

    Transistoren und Kabel und Klang.

    Glühend Metall gegossen

    in die Form, poliert,

    gekühlt, geformt, verchromt,

    Gestalt geworden:

    Sinatra was singing

    The church bells were ringing

    Zeit voller Hoffnung, zum

    Mond führt der Weg und darüber hinaus!

    Apollo und Hendrix,

    Ikonen und Zappa,

    Ettore und Dylan

    um der Form willen und

    immer darüber hinaus:

    Bis zur Tomba Brion,

    dem letzten Haus.

    Weihnacht

    Die inneren Kinder jubeln, tanzen silbern über

    den ersten Schnee.

    Die Alten, die sie waren, derweil

    mürrisch nagen an Frost und Weh.

    Messer, Käse, Brot und Wein:

    Gestärkt das Leinen, klirrend der Ast

    im Mantel aus Reif.

    Chianti leuchtet im Rund aus Bast.

    Zimtsterne ziehen den Schweif

    über das Zelt dieser Nacht.

    Rund um die Feuerstelle

    von Kerzenwachs und Butterbratschwaden

    tanzen Figuren und Becher von Zinn.

    Ich gedenke Geschenkpapier faltend der Spielkameraden

    und bis zum Abend bedecken Bart und Schnee mir das Kinn.

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