Styx

 

Die Sekretärin in dem Faltenrock

blickt auf von der Schreibmaschine;

stellt ihre Dienstreiseanträge aus

und die Besprechung zum Leporello

(der für die neue Gamme) ist in

der Werbeabteilung hinter Backsteinmauern

bei Sandkuchen um halb zwei.

***

Sie waren weit gekommen,

miteinander ein wenig, das heißt wenig vertraut;

er gestand ihr seine Liebe,

so musste es ja kommen und zu mehr nicht.

Sie war innen wie gelähmt und

wusste nicht warum.

***

Sie wollten nur ein wenig wandern,

mehr von der seltsamen Gegend

sehen, in der Kamine Flammen speien

an Industrieflusskathedralen, wo Flussschiffe

auf dem Styx unter Kreuzritterburgen fahren.

***

Sie irrten durch Zugabteile und an den falschen Haltestellen

fragten sie die Falschen nach dem Weg.

Dann trafen sie unter Feuerhimmeln dieses

alte Paar. Die beiden waren recht kurz angebunden,

sagten nur: Wir sind hier seit 1975, das war unser Jahr.

 

 

Nachtwächterlied

Sturmwarnung, Orkan voraus!

Nase noch schnell in den Wind, dann heruntergekurbelter Rollladen.

Tag endet, Tag läuft aus in Wellen, Tag wendet sich nach innen.

Tagwerk geschafft: Der Mond ist aufgegangen. Liebe am Herd,

köchelnd, flammend, gewürzt,

dann in Schaffell geborgen; im Traum

rot-weiß-gestreifte Fensterläden an

unserer Burg.

Sturmwarnung, horrido! In die Nacht, ihr Fahrenden!

Zum Hafen, ihr Skipper!

Walpurgis, der alte Mann und Gretchen:

Sie wissen um den Sturm.

Nun nehmt Bachmann und Chomsky,

nehmt Dylan und die Art,

wie Deine Haut einst roch.

Sturmwarnung! Orkan voraus!

Schließt die Luke

zum inneren Bunker.

Ich sage: gute Nacht! Wir

sehen uns, verlasst euch drauf,

wir sehen uns.

In Bassani-Nächten

In Bassani-Nächten: Regen prasselt

vor Autoscheinwerfern; draußen auf der

Straße – nur Alltagsheimkehrer,

wohl von der Arbeit kommend,

kein Fahrrad schulternd an einem Monte, kein Lancia Aurelia;

mein Wolsit-Fahrrad versteckte ich

in deinem Gewölbe, in meinen Träumen

du „mich herüberwinkst“:

Fields of Gold

Spiel aus Möglichkeit und Ungewissheit,

hinausgezögert im barmherzigen Februarschnee,

endlich bedacht im nächtlichen Garten:

So war es – war es so?

Auch in unserer Geschichte:

verwehende Ungewissheit,

bittersüß – wie eine Buchhandlung

im Altbau der Prachtstraße, mich stehend sehe ich vor

dem Regal mit der Verlockung der Romane;

und zuletzt auf der Bastion:

Ich blicke hinab auf den Wanderzirkus,

den staubigen Platz;

die kleine Figur da

am Rande (bist es du?) bist wohl du.

Zur Burgsteige himmelwärts

Wie vom Landwein einen an der Waffel:

Jerg Rathgeb seh‘ ich an der Staffel –

ei: ei, ei – was für eine Burg, Rudolf und Konrad!

Steig‘ ich hoch durch Hermann-Hesse-Gassen.

Da ist der mächtige gotische Bau

mit barocker Zwiebelhaube.

Oktoberhimmel, kreidiges Pastell,

hineingekrakelt ernsthafte Vogelspuren.

Kirchenfenster, hochbeleuchtet,

Bach und Coltrane fluten überirdisch aus offenstehendem Portal.

Westwand, mächtig, gegen das Wetter gestemmt

für gewöhnlich, doch heute leuchtet nur

friedlich die Reihe der Giebel

und die mächtige Glocke wird Gold vor dem Rost-Altar.

Selbst die Unterstadt wird im Abstieg

vom Himmel menschlich und wärmer, rückt näher;

am Ende Staunen: Nichts hat sich verändert

über Jahrhunderte.

Das Selfie ist Epitaph

in unbesungener Kathedrale.

Neben Straßen und Wegen

Schwarze Kinderhand, schüchternes Winken.

Winke zurück, gut gelaunt pedalierend an diesem Herbstnachmittag.

Mutter lacht zurück dankbar.

Perlweiße Zähne im schönen dunklen Gesicht unterm Tuch.

Und droben am Hügel,

 auf der Hochfläche bläst der Westwind,

warm noch zwar, aber ungemütlich zu unteren nackten Rücken.

Einer hat in den Himmel geschaut – so wie man in eine Flasche schaut – zu tief; nun schläft er

verletzlich, seltsam verwundbar die Kurve des Körpers.

Seitenlage embryonal, Gesicht scheint lächelnd,

Wunder, oh, Brustkorb hebt sich.

Derweil Einheimische fahren einfach vorbei.

Eingeschlafen wohl nur bei der Rast;

nicht geflüchtet; eingeschlafen wohl nur bei

der Ausfahrt in der ungewöhnlichen Septemberwärme;

ein junger Vater, ein kleines Kind –

tags drauf nur flachgedrücktes Gras.

Der Mann war nicht tot, kein Atemstillstand –

ich musste mich überzeugen.

Derweil ein kauziger Alter,

wählt aus einsamsten Feldwegen gerade meine Begegnung:

Ich ziehe Begegnungen wohl an auf meiner Suche nach Einsamkeit.

Sehe: sein Hund ist nicht jünger als er.

Grüß Gott!

Guten Tag!

Einsilbige Grüße verwehen auf offenem Feld.

Das leere Blatt (Über das Dichten)

Das leere Blatt ist übervoll,

es verspottet dich voller Wohlwollen.

Höhnt scherzhaft nur im Kinderspiel:

Fang mich, Wort, fang mich Satz, Lalala, Lalalei – welch

grenzwertiges Unterfangen.

Nur eine falsche Bewegung, überfällige Näherung; Kinderspiel schlägt um in

pubertäres Entdecken.

Das Blatt beginnt sich zu füllen.

Es gehört Mut dazu, das Gegenteil von Stierkampf:

Das Blatt Papier stößt Lanzen dir ins Fleisch,

schwenkt das Tuch deiner größten Wunden.

Die Arena verlässt du nicht mehr lebend, ohne dich in

Versen nackt gemacht zu haben vor den Rängen,

schlimmstenfalls unsterblich lächerlich, ich sagte dir:

es gehört Mut dazu.      

Menschen müssen brennen

Menschen müssen brennen,

müssen aufgehen in dem, was Feuer ist.

Müssen größer werden,

dort, wo Feuer Asche hinterlässt.

Müssen Gedichte schreiben –

oder Giftköder auslegen –

je nach Verletzungsgrad.

Müssen Raketen konstruieren,

die GPS-gesteuert selektiv nur töten,

oder Theorien bauen,

die die Position der Nominalphrase erklären.

Menschen müssen nackt werden,

regelmäßig und manchmal –  je nach Publikum.

Das Camgirl, der Sanitäter und

der Maler, der Mediziner,

die Body-Positivity-Fotografin:

Ihr alle habt uns schon gehabt:

auf euren Betten und Leinwänden,

eurem Puff-Samt und OP-Liegen,            

auf unserem Totenbett und

unserem handtuchmarkierten Liegestuhl;

doch da endet es nicht, nein, nein: Kühler, heller Nebel,

legt sich über die Brennenden, macht alle

Stimmen leiser- die inneren vor allem; kühler, heller Nebel

erlöst, zärtlich und unbestimmt –

wie ein Herbsttag, der schön genug wäre, um schön zu sein.

Sich wälzen, in Septembergras, nachts

Erlösend sich wälzen, in kühlem Septembergras, nachts.

Lichtpunkt im Dämmer, früher nun dunkelt es.

Magische Lichter, die ferne Straße hinauf und hinab, Glühwürmchen gleich die Kolonne.

Der Garten gegenüber in warmem Schwarz,

der Umriss von etwas,

von jemandem? Fantasie ergänzt willfährig das Blattwerk

zu Geheimstem.

Letzte Heimkehrer, Spaziergänger,

Ruhesucher, Abenteurer, Spätarbeitende,

Lichtkegel, Igel, wieder frisch gemähtes Gras.

Die Lichtpunktsehnsuchtszeichen

für alle, die fehlen –

aus sehr unterschiedlichen Gründen.

Für alle, die auf uns blicken

 von ihrem geheimnisvollen Platz,

für alle, die nicht reden,

dafür an dich denken wie treue Romeos und Julias,

an der Bushaltestelle, auf dem schlaflosen Höllengrill der Morgenstunden,

bevor es neuer Tag wird.

Für alle diese,

für alle diese:

Erlösend sich wälzen, in kühlem Septembergras, nachts.

Die große Augusthitze bricht

Die große Hitze, hat sie dich eben noch gequält.

Die Domina, die Lustschmerz dir beschert,

ist selbst so verletzlich.

Das nasse Hemd lässt sie dich selbst

dir vom Leibe reißen.

Und mit dem kalten Duschstrahl

geht der sinnlos-blöde Blick des Typen

in den Ausguss, der wahrscheinlich nur leer sein

sinnlos sauberes Stück Straße be-starrt, immerhin seines.

Hitzedomina, großer Donner wartet auf dich

und es ist schon Ende August,

aber du nimmst ein gutes Ende; taghell erleuchtest du

die Nacht, schickst beindruckend uns schlafen,

wiegst uns in Schwüle und Ungewissheit,

rollst uns als Teig, der aufgeht, der gehen muss zuvor;

währenddessen häkle ich mir ein Kettenhemd

aus Geduldsfäden, manche davon gerissen.

Das macht mich unverletzbar in dem Wissen:

Es geht weiter, vorerst:

einem klaren Septembertag entgegen.

Momentaufnahme

Die Jeans gibt dir ein Mittelding von Aura:

zwischen pragmatisch, rein und sauber gewaschen.

Zwischen den Scheiben deines Brotes

lugen Gurkenscheiben hervor (du lebst gesund)

in der gleichen Weise, wie das Hemd dir aus der Hose rutscht,

wenn du vor dem Regal dich in mich brennst.

Du arbeitest dich, sogar in dein Essen arbeitest du dich;

du beißt beherzt, bist ein Beißer.

Hast immer einen Plan, weißt von Berufs wegen es

besser bis zum Schluss.

Was du von Kindern gelernt hast,

funktioniert auch bei mir gut für eine Weile.

Du bist in Eile, da standest du eben noch.

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