Die Neujahrsfahrer

Gegen den letzten Tag des Jahres

gehen wir im lichten Nachmittagsgrau,

bevor sonnengetränkte Wolken

in frühe Nacht ziehen und dann wieder ins Blau.

In den Stunden vor dem neuen Regen

reihen Winterpedaleure sich zur Kette, kehren heim dann,

bevor auf wieder nassen Wegen

auch einer nur das neue Jahr gesehen hätte.

In den Stunden vor dem neuen Jahr

suchen Zeichen dich, verschlüsselt-leise, Hieroglyphen gleich,

bevor auf wieder neuen alten Wegen

die Welt weitergeht: so verrätselt wie das Pharaonenreich.

.

Zwischen den Jahren

Zwischen den Jahren

hab an den Haaren mich herbeigezogen,

mich kundig gemacht im Unbekannten.

Meinen Nachbarn trinken, feiern sehen,

verspätet Weihnachtsgrüße geschickt an die Wohlbekannten.

Zwischen den Jahren

hab aus Hochwasser mich gezogen

an unbekanntes Land – und siehe: Ich lernte.

Das Land in kurzem Frühlingszauber hab ich im Winter blühen sehen,

im Taumel dieser Saturnalien, bevor die Sonnen wieder untergehen.

Zwischen den Jahren

hab ich auch an dich gedacht,

an Unverschämtes, nur Geträumtes – und siehe:

Die Erinnerung in kurzem Frühlingszauber hab ich im Winter blühen sehen

wie Bilder, die nie untergehen.

Weihnachtsmorgen

Sacra di San Michele:

Stiller Morgen die Sorgen bricht.

Unfassbare Stille wie eine geöffnete Konserve

von Nichtlaut.

Gut nach dem Erwachen.

So lasst uns tragen

Weihrauch und Myrrhe

wie Anselm Kiefer Asche und Haar.

Lasst uns tragen

Pinsel und Flammenwerfer und brennende Worte Jahr um Jahr.

Sacra di San Michele:

Stiller Abend, Zauber entfaltet

unfassbare Gnade wie Öl

hellenischen Ursprungs.

Gut nach dem Tag und seiner Menschseinsbalance.

So lasst uns malen,

Farbe schichten, rammen, brennen, löschen –

wie Anselm Kiefer, verbrannt und wahr.

Lasst uns wagen

Geburt und Auferstehung Jahr um Jahr.

Weihnachten um ein Feuer

Nichts ist wie früher und alles ist wie heute.

Wie Soldaten auf dem Rückzug

um ein Feuer in der Nacht:

Alles ist wie früher und nichts ist neu.

Soldaten auf dem Feldzug,

einer ist da unsichtbar: Arm geboren

hält er Wacht.

Er warf um die Tische mit Nordmanntannen und dem Tand

und keiner versteht, wie und wohin er verschwand.

Er weilte unter dem Stern, der keine Drohne war –

und Dylan spielte Every Grain of Sand dazu so wunderbar.

Nichts ist wie früher, denn wir sehen mehr,

dass das Heute ist wie das Früher, Frontlinie minimal verschoben.

Wir sehen das wie Soldaten um ein Feuer Frieden

sehen jenseits der Heiligen Nacht.

Col de Turini

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Ich meinte dich in der Ferne zu sehen:

Das Rot von Samt und Rosen warf Reflexe auf silbernem Besteck.

Rosig dein Gesicht, süßes Gurgeln deine Stimme.

Das Leintuch blütenweiß

wie der Schnee, der aus dem Großstadthimmel fiel.


In der Nacht der langen Messer:

Massen säumten den Straßenrand;

schaufelten zusätzlich Schnee für

spektakuläres Driften –

damals am Col de Turini.

Am Col de Turini bin ich nie gewesen,

bin nie in Röhrls Quattro wahnsinnigen Volten beigefahren.

Und auch das Silber, der Samt und die Rosen

waren geträumt nur an einem Abend,

als Schnee aus dem Himmel fiel.

Was an runden Geburtstagen zu tun ist

Was an runden Geburtstagen zu tun ist:

Eine ganze Menge ist das.

Zunächst gilt es, sich selbst dem Anlass anzugleichen:

Rundlicher zu werden, das Sektglas zu erheben,

dem erhöht stehenden Fotografen zuzusalutieren

(welche Idee: gleichermaßen reizend und dynamisch!),

gesichert undeutlich in niedriger Auflösung das Foto.

Ferner gilt es, sein Geburtsdatum von Social-Media-Plattformen

zu entfernen: Wer es kennt, kennt es – wenige werden das nicht sein,

das eine oder andere Kreuzchen in weit entfernten Kalendern.

U-Boot-Einstellungen werden überprüft:

Tauchtiefe: maximal!

Winterzweig (am Waldrand vor einsamem Feld)

Winterzweig, still und schwarz und glänzend:

Wassertropfen perlt von dir und fällt in den Schnee.

Über weitem, weitem, weißem Feld

hat es geschneit heut in der Nacht.

In der Ferne ein Martinshorn, das sacht

sich in Wolkenwattigkeit verliert an dieser Linie

zwischen Tag und Nacht.

Weihnachtshotel

Wir kommen im Schnee.

Koffer rollen rumpelnd von der Bushaltestelle.

Die Herberge wartet voll Duft: betriebsame Küche,

Zauber im Tee, gebohnerte Treppen hinauf

ins Zimmer, das Heimat uns.

Dezemberluft süß, warm der Schneefall:

Kirche ewig, Nacht und Lichter-Bäume,

Fluss zugefroren, Holzara, Holzara!

Magie im Tannenwald: Societa Mechanica,

Magie der Bäckergasse: Wir kommen aus dem Poseidon,

grün und rot mit Samt und Rosen,

wir kommen in Van Laack und Lorenzini und Versace,

wir Kinder des Kindseins,

parken den Ferrari, den VW Käfer im Lebkucheneis, wir:

Immer schon wir: die heiligen zwei Könige –

den Milchberg hinauf und hinab

lasst uns tragen Myrrhe und Weihrauch,

Geschenke für Ulrich oben am Berg

und für die Lieben alle, die ewig leben,

die leben, intra muros: ewig.

Die Heiligkeit dessen, was bleibt

Die Heiligkeit dessen, was bleibt,

ist hochzuhalten, ist hochzuhalten;

sie hochzuhalten ist Gesetz.

Jeden Morgen aufzuwachen,

sich zu bekennen, zum Leben sich bekennen,

zum neuen Tag, das muss Gesetz dir sein.

Zwischen Wecker und Rilke

dich noch zu spüren,  egal ob

der Sommer nicht mehr weit ist

oder letzte Süße in den schweren Wein sich drängt.

Der Sommer war sehr groß – den kann uns keiner nehmen:

In der Badehose voreinander schamlos

und den Walkman-Kopfhörer am Ohr:

Heroes just for one day.

Mir scheint: Ich bestehe nur aus Zitaten.

Standing on the shoulders of giants.

Das mag alt sein,  doch tröstlicher als

marmorkalte Denkmalsschulter

wäre jetzt das warme Fleisch,

das warme Wort gescheit,

und die Heiligkeit dessen, was bleibt.

Du gehst in den Schönbuch (Ranzenpuffers Lied)

Du gehst in den Schönbuch

Immer dem Walde zu;

klar scheint der Weg der Karte, eindeutig dein Ziel.

Du gehst Wald-Alleen, eine um die andere,

querst die Gatter und die Tore, den Goldersbach hinab;

doch hinab wird bald hinauf, was Hügel schien, wird Tal.

Und sieh hier: an dieser Stelle wusch einst man wohl die Wolle, frisch geschoren

von den Schafen; war das ein Schrei, der gellt in den Ohren,

von Sauen oder war es nur der Wind?

Auf Wildschweinpfaden, Ranzenpuffers

Jägerwegen, klamm und bald unheimlich:

immer tiefer zieht Magie uns in den Wald und ihn in uns.

Knochen, Hasenpfote, Krähenfeder, Schädel und Geweih,

Bast und Horn und namenloser Stein,

der funkelt, wenn es im Walde dunkelt,

wo an Feldstein und Gemarkung einer liegt, der tot ist und

begraben: Täter, Opfer oder Held, namenlos verscharrt, verrückt,

oder Soldat im Soldatengrab, das irgendwer noch heute schmückt.

Indes der Wald ist voller Zauber und breitet in dem Dämmer

gütig und verzeihend bald die Nacht

über alles, was es gab.

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