Mein Gedicht

Schreiben als hören, dass einer schreit,

dass einer verschüttet liegt, dem Tod nah gefühlt,

doch glücklicherweise nur einer, der schlaflos Kissen verwühlt.

Schreiben als Geborgener,

herausgetragen auf der Bahre; Schreiben als

der warme Körper, an den gekuschelt Schlaf ist.

Schreiben als der Lehrer, die Lupe, die noch

vergrößert die Großen, weil erahnbar macht,

was sie bewegt.

Schreiben als Sand, der schneller durch

die Uhr fließt, als ein Wort nach oben trägt.

Schreiben als Brücke, die unzerstörbar

ins Vergangene weist.

Schreiben unterm Lichtkegel der Nacht.

Schreiben im ersten Tageslicht,

wenn der Mond erschöpft zur Nacht sich legt;

wenn in den Häusern erste Lampen

den Alltag aus dem Ärmel ziehen,

diesen Joker, diese Burg, das rettende Gestade.

Der Geist, der in den Morgenstunden fliegt:

Schlange und Schaf erden ihn und mich zu Dir.

Was jung wir hatten

Warum nicht? Warum nicht jetzt?

Die Frage, die dich jung macht, die stellst du oft zuletzt.

Deine Jugend so unwissend rührend, sternverbunden

unbestimmt in wildem Lauf,

fordert heraus mich in die Mainacht,

Mainacht, Mainacht:

Wenn die weißen Birkengeister zu uns sprechen,

am kleinen Berg zwischen unseren Häuserhaufen,

könnten letzte Dämmer brechen, wir uns zusammenraufen,

gleich hier in Blütenschatten.

Traum aus, Traum aus: Wir sehen alt,

was jung wir hatten.

Fasnacht und Verbrennung

Zwischen Wagner und Bach

wird es still.

Es heißt nun: ich wollte, nicht: ich will.

Denn die Mondsichel ist gekommen

zu mähen, zu mähen: Gras falle auf unseren Schlaf.

Zwischen Mick und Keith, auch

zwischen AC und  DC wird es alt nun.

Es heißt: Ich glaube-spüre, nicht: ich bin mir sicher.

Denn der Mond steht als Hälfte am Himmel.

Wie junger Mädchen Erdbeergekicher, das fällt in unseren alten Schlaf.

Larger Than Life

Überm Nachtazur der Küstenstraße,

im Winter noch auf der Straße zur Sonne:

Hochtouriges Kreischen, Auspufffunkenregen

im Gegentakt zum rhythmischen Tanz der beleuchteten

Riva-Boote unten in den Häfen entlang

des Sinus, der wie eine Hüfte sich ans Wasser schmiegt.

Die Gäste der Villa, star-crossed lovers,

ertragen im Fruchtwasser des Geldes schmerzfrei die unerträgliche Leichtigkeit des Seins.

Zärtlich ist die Nacht, wenn sie am gefährlichsten ist.

Über die Prachtstiege im leergeräumten Palais.

Im Nebel noch auf der Schwelle der Aufklärung.

Hochtouriges Kreischen,  aus der Kurve getragenes Feuerwerk

im Gegentakt zu Stuck und Gold:

Spurensicherung durch Kunst, barock gerahmt und rot verspritzt, ein Triptychon entlang

des Sinus, der wie das Herz sich an seine Kammer schmiegt.

Die Gäste der Party, last orders, ihr Lieben, last orders, please.

spüren den Wind: Er ist stark und er kommt aus der Nacht.

Am schmerzlichsten ist die Lüge, wenn sie die Wahrheit ist.

Und du wartest

Und du wartest, dass einer sich meldet oder eine,

dass die Milde sich dem Winter ergibt.

Und vielleicht auch nur auf ein Zeichen,

dass es dich am anderen Ende noch gibt.

Und du wartest, dass die Anhäufung deines Lebens

irgendwie Sinn ergibt

und dass, was du an den Dingen liebst,

dich weiter und weiter umgibt.

Und du wartest auf das Ende des Winters,

auf den Beginn der Saison –

und auf die Klärung der Frage:

Was ist eine Staatsräson?

Und du wartest auf die Erkenntnis,

dass das Warten nie enden wird.

Dass der Sinn des Wartens das Warten ist,

bis sub specie aeternitatis auf nichts mehr zu warten ist.

Schreiben vor der Sanduhrzeit

Schreiben vor der Sanduhrzeit:

wie Segeln vor dem Sturm.

Die Worte sind zum Wehen bereit,

von hoch oben auf dem Turm,

der scheinbar nur

aus Elfenbein, in Wirklichkeit

aus Bildern ist, aus Stäben, Eisen

und aus Glut: Was seinen Weg zu

Worten findet, ist Liebe oder Wut.

Unter dem Bart

Unter dem Bart dem Winter entgegen,

Glitzern und Schnee auf dunkelblauen Wegen.

Tags drauf schon exotischer Südwest,

blauer Himmel, blauer noch als ich.

Bläst Piz Buin von der Silvretta zu uns in den Azur:

Aufgeregt trau ich dem keine Sekunde;

Winters Rückkehr so berechenbar

wie das Ende einer Wechseldusche.

Und unter zerknüllter Wolkendecke,

in den Stofftierwildschweinkesseln der Nacht –

unter der Didacta-Ackerluft, die aus

der Zukunft weht, da lasst uns

schlafen in der Weisselklenzenacht, mit Procol Harum in den Siebzigern, irgendwo

ganz oben in Anselms Hierarchie der Engel;

wir wären da irgendwo ganz oben,

so wie es eigentlich sein müsste:

Das alles wusste ich seit dem Moment,

als ich dich küsste.

SAP

Es spielte nicht Tschaikowsky,

auch Hendrix nicht, schon gar nicht mit

Duke Ellington im Vorprogramm.

Demgemäß war keiner im Nachtbus,

der – erotisch überwältigt werdend vom gloriosen Bahnkörper

der Nacht – sich hätte stürzen können

ins Jungsein oder – wieder aufgewärmt – ins

Wiederjungsein.

Es gab demgemäß keine Herberge mehr für

uns Volksgezählte.

Ein Instrumentenkoffer, eine Verkehrsverbundhaltestelle vielleicht

nun unser Stall, dahinter muhend die Musikgeschichte:  Angesichts dieser Tage

ging der Stern nach dir auf über fruchtbarem Feld,

sehen sicher wir uns wieder,  

darbringend Myrrhe und Weihrauch und

Schall und Erschöpfung und Durst.

Und köstlichmüde Geburt von Gedichten und Hunger auf Wurst:

 Wir kreißen  im freundlich Bedachten

und hören die Stimmen, die lachten.

Januar

Im U-Boot-Winter

glimmt schwaches Licht nur

in den Laufgängen; mit

vorgeschobener Schulter tasten wir uns wankend in den neuen Tag,

Salz im Gesicht, unbekannter Horizont vor uns.

Suchscheinwerfer: brennt irgendwo ein Licht?

Und der Morgen, der aus der Nacht schon bricht,

ist kalt wie die Dusche – Eisbaden hat Tradition.

Schnell ist es Mittag,  Ausguck in gleißender Sonne auf freiem Meer,

Erinnerung an den  Nicht-Winter –  schnell einzuwickeln

in Leder und trockenes Papier,

denn berechenbar bald sinkt die Sonne.

Dann Klopfzeichen im Sonar,

durch unterbrochene Schwärze: wir fahren in ein neues Jahr.

Muscadet

Wirklich Zufall unsere Begegnung?

Dies Erkennen von – was meinst du, war das?

Damals im Autobus, Fahrzeit immer nicht lang genug.

Ich, ein junger Mann, du, auf deinem Weg.

Du hattest Spargel, ich Muscadet.

Es schien klar, es war Nacht.

Da war Musik, die war im besten Sinne roh und zart,

froh und unsterblich, geschreinertes Holz wie Lebkucheneis.

Da war das Geläut dieser Glocken,

unter ihnen musst du gelegen sein.

Du gehst kurz ins Umliegende, holst Milch,

ich ins Badezimmer.

Der Löwe tanzt weiter, süßes Gebrüll seither;

kann dich nicht finden unter deinem Namen.

So nehme ich alles auf meine Leinwand,

schichte Farbe auf Farbe, breiig mit zerschundenen Händen.

(Oh, meine Hände liebtest du.)

Nie hoch-tief genug das Farbgebirge,

stell es hinaus in den wütenden Regen,

zärtlich dann leckt die Flamme in Veraschung.

Wohin mit deinem Bild nun?

In Duftlampentuschewein, ja, da hinein,

schließlich genau da hinein.

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