In der Unterstadt

Heiße Frühlingssonne auf meinem Marsch

treibt mir Schweiß ins schüttere Haar

und Bierdurst in die Kehle.

Zwischen Tafelladen und Feuerwehr,

südlich des Wertstoffhofs,

zwischen dem Istanbul-Market und dem Sitzrondell

am Rand der  heißen Betonfläche

treibt der Discountmarkt mir Pril-Blumen meiner Jugend in den Mai,

vergeudet keinen Cent meines Euro an eine

Customer Journey, die wie auch immer nennenswert.

Penny über Schönheit, Währung ist härter als

kluge Bücher, ist hart im Abstieg.

Die Kassiererin drallt vor Geschmacksrichtung zartbitter –

und hinter dem Graugrün des Maitags wartet vielleicht ein Gewitter

auf eine Epiphanie, einen Pfalzgrafen in voller Rüstung,

der an verkehrsberuhigten Zonen huldvoll vorbeireitet,

im Jubel der Kürschner, Landsknechte und Hundezwinger,

dann abdankt und die Unterstadt sich überlässt,

den  nächsten achthundert Jahren, vermessen,

die Zwiebel im Dreieck mit den Moscheen,

von der Himmelsnähe des Dekans

aus gesehen: zwar nicht Christianopolis,

aber Erzählung immerhin in die hangabwärts rutschende Bauhütte

der Geschichte.

Wort ohne Eros

Belesenheit ist Gewesenheit,

so es ihr mangelt an Lebenssaft.

Ist kein Wert an sich,

wie manche meinen;

Narcissus im Fluss,

du spiegelst nur dich.

Ich wäre lieber Lady Chatterleys Lover

im Waldstück deiner Heimlichkeit.

Sehr deutsch, das Mäuserichtum,

Insichgekehrtsein eines Igels mit enttäuschten Stacheln.

Sterile Wortkaskaden, Streubomben der Bildung:

Hoi polloi, hoi polloi, machst den gemeinen Mann nieder.

„Was soll das?“, fragte Grönemeyer, genau:

Was soll das, was bringt das?

Dein Aftershave schwebt in der Luft,

meines hast du nie benutzt.

Ich schicke mich in den April (Beltane tanzt)

Geburtsschmerz des Jahres, Krokusse, Tulpen weinen

sich in wärmenden Sonnenschlaf;

ihre Tränen  das Wasser, das vom Himmel schauert,

in das Grün fährt allüberall.

Wer wandelt im Sonnenschein,

gerät viertelstündlich in den Hinterhalt

der  Polarluft – wie sie es nennen.

Schirm hoch oder ich mache dich nass,

lösche dich, ich Chefredakteur  des verfrühten Sonnenbades.

Schneeschauer: Ehre der Klassikerjäger auf ihren flandrischen Runden,

uns erreichen in der Wärme so gern die Bilder heroischer Wunden.

Die Wende mait uns zu, Hoffnung der Frierenden alljährlich.

Schön Jahr für Jahr, Beltane tanzt in den jungen Blättern.

Tanze mit mir!

Beltane schweigt, harte Schönheit tanzt in den Wettern:

Und  morgen wird es vielleicht  Sommer nach dem Schnee.

Hochsommer im April

Aus der Wüste, sagen sie, kamen die Himmelskamele.

Brachten nicht Weihrauch und Myrrhe, sondern Sand.

Verdunkelter Himmel wie  Malermissgeschick:

Übermaß von Schwefelgelb und Grau, das sich balgt  

mit der Wärmeexplosion von Blüten  auf

des Meisters ekstatischer Palette – Balsam der letzte Duft zu früh gemähten Grases.

Das Brennen in den Schenkeln – geschuldet dem ersten Berg oder dem Aufstehen vom Stuhl –

mahnt zum Sommer. Derweil kühlen die Lebensfesten sich in gefundenen Wassern.

Die, die mit dem Handtuch gehen, die Zukunft vor sich wie

eine lässig umgehängte Tasche,

den selbstbewussten Nabel frei vor der Welt balacierend,

die entschwinden in der Dämmerung wie eine Jugend.

Did Not Finish

Landung überlebt,

Begegnung noch kühl zweier fremder Planeten.

Wir akklimatisieren uns, Ziffern tanzen im Höhenmesser.

Khumbu-Eisbruch, nachts im Zelt dein Gesicht.

Heimlichkeit unter der Stirnlampe.

Und jeden Tag trinken wir Buttertee und Yak-Milch.

Chancen nehmen ab mit der Verschlechterung des Wetters.

Wir werfen Reiskörner, Dosenbier unser Opfer.

Puja, die Götter indifferent.

Ausgang ungewiss, Feuerstelle in deinem Blick.

Und jeden Tag bereitet der Sherpa-Koch Momo.

Das Zeitfenster enger,

das Fix-Seil gekappt, das warst du.

Dich sicher wähnend im Schneesturm.

Man sieht sich nicht nur einmal im Leben,

das wir geben.

Und jede Nacht träumen wir weiter

vom Gipfel, unerreichbar.

Frühling zu früh (Der Besucher)

Schöner, unheimlicher Besucher, kommst

vor deiner Zeit. Erneut: Du  kommst vor deiner Zeit.

Und keiner kann schwitzend dir widerstehen.

Genau das macht dich so gefährlich:

I do declare there were times I was so lonesome I took some comfort there.

Du Hormone-Sterne-Koch, du Hinwegfeger

und Zurückbringer des Winters,

gesichert dein Schicksal – der Sommer kommt.

Deine grausame Magnolienblüte: So sicher

endet sie im Eiswind,

wie eine Schwerreiche die Lotterie gewinnt.

Du bist nicht richtig und nicht falsch, so ungefragt

wie das Männlich-Weibliche  aus dem allnächtlichen Traum.

Der neue Morgen dann ist weiß und rein der Schnee,

der zu Mittag schon verschwunden, frei gemacht

der Weg  Richtung Ostern.

Die Wolkendecke

Du ziehst die Wolkendecke bis zum Hals,

wünscht  tiefer  dich ins Tiefdruckgebiet  

wie eine Tatort-Kommissarin- das Tiefdruckgebiet,

das seelenverwandte.

Doch die Nacht endet.

***

Märznacht unter der Wolkendecke.

Es dunkelt, doch da sind Lichter in der Landschaft

und die Erde riecht wie aufgebrochener Acker

nach dem Stoff des Lebens.

In der Wolkendecke reißt der Mond persönlich

ein Loch auf, seine Grandezza duldet kein Verstecken,

aber wohl Verschleiern,

man sehe ihn sich nur an, wenn

 würdig zurückgezogen im aufkommenden Tag

er sich verabschiedet.

***

Die Wolkendecke zerwühlt oder sauber gefaltet:

Somebody could walk into this room

and say your life is on fire

Alles hängt ab von dir.

Sassongher

Eine Zeit unseres Lebens im Gleichschritt.

Zu nah, um richtig zu sein, doch immerhin nah.

Hey Joe – where are you going with that gun in your hand?

Hinauf zum Aiguille du Midi gehen wir, du in Jeans,

ich im Wide Bodykit,  fiebernd  auf dem Liberty Walk.

Aiguille du Midi, das ließ sich steigern:

Am Sassongher stürzte ich mich über

Felsspalten an deine Wange.

Mein Fallschirm defekt: Impact Earth:

Aus der Fatality List kommen manchmal noch Signale.

Fackelabfahrt damals  in der Bergnacht.

Duft eines rauchigen Morgens im  Albergo.

Trocknende  Skischuhe, Rauch-Schnee-Kälte der

großen Art:  Du und Bob Marley, ihr fehlt in der Nacht.

Waldenser, Savoyarden, Piemont,

Sacra di San Michele, Il nome della rosa, Grischunit:

Schönheit solcher Wörter – wäre ich

Romanist nur geworden, Lexikograf oder Romantiker:

Aufprall – atmen, schreiben, sich erkennen –  weiterleben.

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