Stillleben vor dem Herbst

Auf dem Tisch zwei Äpfel,

Kerze verraucht.

Duschwasser rinnt. Tagelange Hitze

schweißtarnt den unsichtbaren Herbstriss

hin zum September.

Das Winterdunkel-entferne-Dich! kompensiert überreich

bald durch das Füllhorn sich ausschüttenden Jahres:

Gute Dinge kommen, glaub dran, gute

Dinge werden kommen, glaub einfach dran.

Artischockenblüten, Van Gogh, der Landschaftsgärtner

schneidet das heiße Gelb zurück nun, Lavendelsäcke

geschichtet gegen die Orangeflut des Sonnenuntergangs.

Burgen und Schlösser leuchten draußen gen Süden im Kalksturz.

Und wir? Wir gehen heim, immer nur heim.

Du bist raus aus dem Fall

Du warst in der Mordnacht ohne Alibi.

Das glaubst du doch selbst nicht.

Doch: Alles kann sein, schlaf dich aus:

Du bist raus aus dem Fall.

Jemand hat dich gesehen,

in diesem Auto,

auffälliger ging es nicht mehr,

Mustang, AMC, was dieses Mal?

Ich glaub an dich,

lass uns die Zähne putzen

mit Rheinwasser und Kölsch.

Machst du uns mal noch zwei Bier?

Am anderen Ufer warten Schicksale,

Schicksale, die wir schon ahnen,

bevor die Spurensicherung eintrifft –

ihre Anzüge so weiß

wie unsere gerechten Seelen.

Kebap, Cola und Benzin

Der Duft heißer Tage,

Kebap, Cola und Benzin.

Asphalt schmelzend, Sonnenmilch,

Aiguille du Midi, Commencal:

von der Höhe in die Tiefe

auf Flügeln, auf Flügeln in den Selfies

vor dem Go-pro-impact at terminal speed,

vor dem Eintrag in die Liste

noch einmal nackt im Schilf am Badesee:

Some girls stole your heart and most girls do

But a Stainsby Girl she could break it in two

Große Tasten, schwarz und weiß,

entschieden: Only the good die young.

Wie weit entfernt ist  das von diesem Gegendere.

Kurz vor dem Schluss –

geschlechtergerecht in die Irrelevanz:

Tragisch- es hätte nur Sinn gebraucht, Wachheit und Liebe.

Zwischen Basquiat und Twombly

Tausend Arten des  Gefühls und Wissens,

schnelle Triebhandlung kann Kunst sein, zwischen Kreide und Öl –

oder brutal dahingehuscht

in großem Schwung.

Deine Leinwände die Straße in einem Fall,

im anderen der goldene Palazzo.

Gleich jedoch das menschliche Suchen:

Ist da Wahrheit in der Erzählung?

Gekritzelt, verrätselt, provozierend:

Feinste Verbundenheit mit dem Erzählstrom der Menschheit.

Helm des Achilles, abgelegt nach der blutigen Schlacht

in der Galerie der staunend zivilisierten Kunstfreunde.

Doch Künstler, ja , wir lieben definitiv das Betrachtetwerden:

Selbst noch in der Schmachstellung der Unterjochung

wollen wir die Ölkreide gekritzelt sehen

als Vogelkralle in Beuys-Fett, doch gnädiges Schicksal: Bitte gib uns die

wärmende Decke

wie in einem Rilke-Schloss nahe Triest.

Augustabend – Aftermovie

Verflüssigte Sonne fließt

abends als Goldsaft den Berg

vor dem Haus hinunter, die Straße hinab.

Aus den Hunden hängen röchelnd Zungen,

gewunden um die Schale Wasser.

Ein Kuchenmesser schneidet dicke, süße Luft

in prädiabetische Tortenstücke, jedes Dreieck eine Verheißung,

jede Verheißung ein Huschen hinter einem offenen Fenster:

Mehr Entblößung als Verhüllung die leichte Sommergaze.

Technobeats gleich wummern Lastwagen und

Gleisbaumaschinen um die Wette mit den Technobeats

illegaler Partys.

Doch was ist legal in diesen Tagen?

Der kühlende See, der nie endende, sich abzeichnende,

magisch verrutschende, wie zufällig berührende Jazz:

Träume von Montreux, Smoke on the Water,

berauschender Rauch auf teurem Wasser.

Basel-Wickelfisch

Vom heißen Asphalt nur  wenige Treppen hinunter zum Rhein:

Ritual der Anzug- und der Model-Bikini-Trägerinnen:

Derweil schießen die Stephan-Eicher-Preise

Auf ebay in den Himmel für den „Engelberg „  von früher:

Wohl darum :

Weil kein Ankommen  derzeit in Kleinbasel;

Cenzis Colnagos und die Röhrenverstärker im ewigen Schaufenster Vergangenheit:

Theaternah gekühlte Ironie  im Tinguely-Brunnen,

stell sie dir nur vor, getarnt-geborgen in einem Wickelfisch!

Mit der Sicherheit der jungen Jahre hätten wir Rheinschwimmer

alles, alles hinübergebracht.

Und angelandet mit riesigem Hunger

verschlungen die Schwarzwaldforelle für

die kleine, menschliche Münze

in der hühnergeräucherten Herberge;

dann stiegen wir auf zur Ödlandkapelle,

zum Hornbergbecken schließlich:

massiges Wasser, unter Wolken hinterleuchtet an der Riesenmauer.

Ausblick: Groß, frei, die Wolken – geschützte Leerzeichen.

After the Rave

Sonntagabendregen fällt aufs Jugendhaus

und auf den geschlossenen Kebab-Stand.

Er fällt auf Parkplatz, Altenheim und auf die

halb abgebaute Stellwand.

Wie Jubelhände ragen kahle Masten zwischen Kabeln

in die zum Kinn gezogene graue Wolkendecke,

übernächtigt dampft zertanzter Acker

und hinterm Flightcase legt wie eine Chimäre

noch immer einer auf; oben in der Sphäre

hüllen sich verhallte Beats in

Regentropfen. Die Lastwagen warten

mit laufenden Motoren auf die Crew.

Im jungen Gras eine zerknitterte Eintrittskarte,

Papierflieger des süßen Vogels der Jugend.

tassel loafer biondo

murcielago, aventador

via monte napoleone                                                                                                                        

miura, sesto elemento

acqua e sapone

diablo, testa rossa

maglia ciclamino

prodotti speciali campagnolo

viva re leone!

ferrucio, enzo, guglielmo

via monte napoleone

larus, forza bianchisti

salciccia e provolone!

paolo, lucio, giorgio, sugar fornaciari

il giardino dei finzi-contini

palazzo Strozzi, wolkenstein

diavolo rosso e la strada

goodnight , ladies, good night

got lost in a snow storm

madonna di ghisallo, passo di giau

Und das Publikum singt textsicher mit

Drohen ist das wichtigste Verb der deutschen Sprache,

lerne es gut zu deklinieren:

Ich drohe, du drohst, vor allem aber: es droht.

Mit tiefer Betroffenheit war gestern,

heute brauchen wir es wertebasiert.

Brauchen es woke und verurteilen auf das Äußerste.

Wir sind in diesen Stunden

bei den Wunden – oder einfach nicht erreichbar.

Wir kündigen die Farewell-Tour an,

nur um zurückzukehren.

Das Sprachmaschinengewehr wirft die Worthülsen aus:

Darüber getarnte, erschöpfte Gesichter von Linguisten

im schtzngrmm, im schtzngrmm der Jandl-Abituraufgabe.

Doch der Deutschunterricht endet im Erwachsenenleben

neben dem betonierten Einkaufszentrumtreff

der Tik-Tok-Aspiranten.

Tief sinkt die Hose unter dem Gewicht des

Gesäßtaschenhandys, tief,

sie sinkt tief in den Sonnenuntergang:

tief – wie die überlebende Liebe.

Maigedicht

Butterüberglänzter Raps

duftet süß südwestlich vom alten Bahnwärterhaus

am heimlichen Trampelpfad.

Gerade noch heimlich gesehen vielleicht von Käfer und Reh,

champagnerüberwehtes Erdbeerrot,

würdig des Stahlriesen rund um das Himmelsrad.

Rostschnecke und Bahnwagen:

Wie froh kamen wir hier am Maitag.

Graugrüne Explosion, solarer  Wärmeofen

pulverisiert die atlantische Nordströmung jetzt;

der Sommer weitet sich in das Land, jetzt,

wo du und ich die Erinnerung schaffen:

das Kondensat, holzig und süß und

teerig wie alte Bahnschwellen,

wir Bahnwärter unserer ewigen Reise.

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